Lateinamerika: Der Staat fördert Gewalt gegen Frauen

Ein neuer Amnesty-Bericht kritisiert die Diskriminierung von Frauen und Gewalt gegen sie, die von Staaten in Lateinamerika und der Karibik mitverursacht sind, weil ihnen sexuelle und reproduktive Rechte verwehrt werden.

Angesichts der globalen gesundheitlichen Krise, die durch die Ausbreitung des Zika-Virus ausgerufen wurde, haben manche Länder Lateinamerikas und der Karibik Frauen empfohlen, vorerst nicht schwanger zu werden. Da über die Hälfte aller Schwangerschaften in dieser Region weder gewünscht, noch geplant sind und 97 Prozent aller geschlechtsreifen Frauen der Region in Ländern leben, die den Zugang zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch durch Gesetze eingeschränkt haben, kommt diese Empfehlung einer Beleidigung gleich. Zusätzlich wird die Rolle der Männer bei der Fortpflanzung komplett ignoriert. Die Debatte um den Zika-Virus zeigt somit sehr deutlich, dass Stereotypen und Vorurteile in Bezug auf die Rollenverteilung bei der Fortpflanzung nicht nur bestehen, sondern von den Staaten zusätzlich verstärkt werden.

Amnesty International möchte mit diesem Bericht darauf aufmerksam machen, dass Gewalt gegen Frauen in der lateinamerikanischen und karibischen Region nicht aufhören kann, solange die Staaten nicht ihre Gesetzgebung und Politik im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit ändern. Um diese Aussage zu unterstreichen, werden sieben Fälle aus verschiedenen Ländern vorgestellt, in denen entweder Gesetzgebung oder staatliche Praxis zu Misshandlung und Folterung von Frauen führten. Video

Rosaura und ihre Mutter. © Privat
Rosaura und ihre Mutter. © Privat

Rosaura/ Dominikanische Republik (Verbot von Schwangerschaftsabbruch): Mit 16 Jahren wurde bei Rosaura Leukämie diagnostiziert. Einen Tag später wurde außerdem festgestellt, dass sie schwanger war. Obwohl die Gefahr einer Fehlgeburt bestand, wurde mit der dringend notwendigen Chemotherapie nicht begonnen, um die Schwangerschaft nicht zu gefährden. Weder eine Empfehlung der behandelnden Ärztin, noch die mehrmalige Einverständniserklärung der Patientin und ihrer Mutter konnten das Krankenhauspersonal umstimmen, da ein Schwangerschaftsabbruch verfassungsrechtlich verboten ist. Eineinhalb Monate nach ihrer Einlieferung erlitt Rosaura eine Fehlgeburt. Einen Tag später starb sie.

ChileAbortoTania/ Chile (Verbot von Schwangerschaftsabbruch): Tania wurde ebenfalls wegen Krebs behandelt, als sie schwanger wurde. Ihr behandelnder Arzt unterrichtete sie nicht bezüglich der Gefahren einer Krebsbehandlung während der Schwangerschaft und drohte damit sie anzuzeigen, sollte sie einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Glücklicherweise hatte sie die Mittel, einen heimlichen Abbruch in einer Privatklinik durchführen zu lassen. 30 Jahre lang hat Tania dieses Geheimnis für sich behalten und erst für den Bericht von Amnesty International erzählt, was sie auf sich nehmen musste, um ihr Leben zu retten.

Teodora Vásquez im Gefängnis von Ilopango, El Salvador
Teodora Vásquez im Gefängnis von Ilopango, El Salvador

Teodora/ El Salvador (Verbot von Schwangerschaftsabbruch): Teodora stammt aus einer armen Familie und musste deshalb täglich von 6 bis 21 Uhr arbeiten. Aus Geld- und Zeitmangel hatte sie keine Möglichkeit während ihrer Schwangerschaft regelmäßig zur ärztlichen Kontrolle zu gehen. Als sie im neunten Monat war, bekam sie eines Tages schwere Bauchkrämpfe und rief den Notarzt. Während sie auf Hilfe wartete, hatte sie eine Notgeburt. Anstelle eine Arztes/einer Ärztin erschien schließlich die Polizei und nahm sie fest. Sie wurde beschuldigt, einen Mord durch Schwangerschaftsabbruch begangen zu haben. Da sie sich keinen Anwalt leisten konnte, wurde sie zu 30 Jahren Haft verurteilt.

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Esperanza Huayama, Präsidentin einer Frauenorganisation in Huancabamba, Peru
Esperanza Huayama, Präsidentin einer Frauenorganisation in Huancabamba, Peru

Esperanza/Peru (Zwangssterilisierung): Esperanza gehört der indigenen Bevölkerung an und wohnt im nördlichen Andengebiet. Eines Tages erfuhr sie, dass eine Gruppe Mediziner aus Lima kommen sollte und wurde aufgefordert in die Klinik zu gehen um Lebensmittel und Hilfe zu erhalten. Als sie dort ankam, erfuhr sie, dass sie und die anderen Frauen sterilisiert werden sollten. Sie wurde nicht richtig betäubt und bekam während der Behandlung mit, wie sich die Krankenschwester und der Arzt über ihre Schwangerschaft unterhielten. Sie sagte sofort, dass sie das Kind behalten wolle. Als Folge der Zwangssterilisation verlor sie nicht nur dieses, sondern auch die Gesundheit, um weiter arbeiten zu gehen. Viele Frauen wurden in Folge der Sterilisation von ihren Männern verlassen, weil „sie nun zu nichts mehr zu gebrauchen sind“.

 

Poster DS Impr Margen5mm-webMichelle/Mexico (Diskriminierung wegen HIV/AIDS): Als Michelle mit ihrem zweiten Kind schwanger war, wurde ihr erklärt, dass sie nicht nur HIV/AIDS habe, sondern die Krankheit auch auf ihr Kind übertrage. Deshalb solle nach der Geburt eine Sterilisation erfolgen. Michelle wollte das nicht, wurde aber unter Druck gesetzt und schließlich wurde ihre Mutter dazu gezwungen, den Eingriff schriftlich zu erlauben. Dabei wurde Michelle nie über die Operation und mögliche Risiken aufgeklärt. Als sie schließlich in den Wehen lag, weigerte sich ein Arzt aufgrund ihrer Krankheit, den Kaiserschnitt durchzuführen und sie musste stundenlang warten, ehe sie behandelt wurde. Nach der Geburt wurde sie auf alle möglichen Arten diskriminiert. Unter anderem wurden ihr die grundlegendsten Pflegedienste vorenthalten, nach einer Blutung musste sie ihr Blut selbst aufwischen und über ihrem Bett wurde ein Schild befestigt, auf dem für alle lesbar stand, dass sie HIV hat.

Mainumby/ Paraguay (Schwangerschaftsabbruch in Notfällen erlaubt): Als Mainumby 10 Jahre alt war, hegte ihre Mutter den Verdacht, dass sie missbraucht werde. Jegliche Anzeigen, die sie bei den zuständigen Behörden einreichte, wurden allerdings abgelehnt und nie angemessen bearbeitet. Als Mainumby schließlich über Bauchschmerzen zu klagen begann, wurden in verschiedenen Gesundheitszentren falsche Diagnosen gestellt. Da die Schmerzen anhielten, wurde sie schließlich an eine Privatklinik überwiesen, wo ein Ultraschall gemacht werden sollte. Dabei wurde eine Schwangerschaft in der 20. – 21. Woche festgestellt. In dieser Klinik wurde das Mädchen sehr gut behandelt und die Ärzt*innen erklärten, dass aufgrund ihres jungen Körpers eine Lebensgefahr für sie bestehe, sollte die Schwangerschaft nicht beendet werden. Ab dem Moment als die Ärzt*innen öffentlich ankündigten, dass sie dazu verpflichtet seien, einen Abbruch vorzunehmen, wurde immenser öffentlicher Druck, vor allem durch religiöse Gruppierungen, auf Mainumbys Mutter und verschiedene staatliche Instanzen ausgeübt. Schließlich wurde staatlich angeordnet, Mainumby in eine andere Klinik zu verlegen. Am Tag, als die Mutter den Schwangerschaftsabbruch beantragte, wurde sie festgenommen und beschuldigt, angeblich von den Misshandlungen gewusst und nichts dagegen getan zu haben. Mainumby wurde der Abbruch verboten, und sie musste getrennt von ihrer Mutter in einem geschlossenen Heim für Mädchen-Mütter leben, wo ihr zudem die schulische Bildung vorenthalten wurde. Ihre Mutter erfuhr lediglich durch die Medien vom Zustand ihrer Tochter, die durch die Schwangerschaft sowohl physisch als auch psychisch geschädigt bleibt.

Mónica/ Argentinien (Schwangerschaftsabbruch in Notfällen erlaubt): Aufgrund einer angeborenen Krankheit hatte Mónica bereits fünf Fehlgeburten bevor ihr ein Arzt zu einer Sterilisation riet, um ihre Gesundheit zu schützen. Sie war damit einverstanden und unterschrieb die Einwilligung. Als sie schließlich in die Klinik kam, um sterilisiert zu werde, wurde ihr Termin unter Vorwänden gestrichen und sie wurde ohne neuen Termin oder Behandlungsalternativen nach Hause geschickt. Schließlich wurde sie wieder schwanger und bekam einen Sohn, der wegen einer verfrühten Geburt und der Krankheit seiner Mutter selbst krank wurde. Um das Leben der Mutter zu schützen, empfahl ein Arzt bei ihrer nächsten Schwangerschaft einen Abbruch. Mónica willigte ein, doch als sie ins Krankenhaus kam, erklärte man ihr, dass ein Schwangerschaftsabbruch ein Verbrechen darstelle und dass dies nicht zugelassen werde. In Folge wurde sie mehrfach in „Spezialkliniken“ verlegt, die auf ihre Krankheit spezialisiert sind. Die letzte ist 1250 km von ihrer Heimatstadt entfernt, was dazu führte, dass sie die letzten vier Monate ihrer Schwangerschaft getrennt von ihrer Familie verbringen musste. Acht Tage nachdem sie ihr zweites Kind bekommen hatte, erlitt sie einen Anfall, der sie halbseitig lähmte. Sie musste weitere sechs Monate im Krankenhaus bleiben.

Cover LA-SRRDie sexuellen und reproduktiven Rechte und die Gesundheit von Mädchen und Frauen in der Region werden beeinträchtigt durch Gesetze und moralischen Druck:

  • Frauen werden schlecht oder gar nicht behandelt und auch nicht ihrem Zustand entsprechend vor der Einflussnahme durch die Umwelt geschützt
  • Die Privatsphäre wird durch Nichteinhalten der ärztlichen Schweigepflicht verletzt. Dies wird vor allem gefördert, weil Ärzt*innen Schwangerschaftsabbrüche anzeigen müssen, um nicht Kompliz*innen einer Straftat zu werden
  • Familienangehörige leiden, weil die Mutter oder Tochter stirbt, krank oder arbeitsunfähig wird
  • Der moralische und religiöse Druck, der auf die Frauen und Mädchen ausgeübt wird, nimmt ihnen die Entscheidungsmacht
  • Der absolute Schutz des Fötus ab dem Moment der Konzeption, hat Vorrang vor dem Leben der Mutter
  • Da Ärzt*innen sich weigern, können Patient*innen zu behandeln, wenn es nicht mit ihrem Gewissen vereinbar ist, und da dies besonders im Falle von Schwangerschaftsabbruch vorkommt, werden Frauen und Mädchen ganz besonders diskriminiert.

Hauptsächlich basiert dies auf den Verallgemeinerungen und Stereotypen, die von staatlichem Handeln verstärkt werden. Unter anderem gehören dazu Annahmen wie: Jede Frau will und soll Mutter sein, jede Frau muss ihr Kind bekommen, egal unter welchen Umständen und in welchem Alter sie schwanger wird. Wenn Frauen wegen Schwierigkeiten während der Schwangerschaft eingeliefert werden, haben sie versucht, ihr Kind abzutreiben.

Amnesty International erinnert die Staaten der Region daran, dass sie durch den Konsens von Montevideo und die Zustimmung zu den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung versprochen haben, geschlechterspezifische Diskriminierung zu unterbinden und fordert vor allem:

  • Die Anpassung der Gesetzgebung und rechtlichen Praxis an die allgemeinen Menschenrechte durch die Abschaffung des Verbots von Schwangerschaftsabbruch, die Ermöglichung von Schwangerschaftsabbrüchen wenigstens im Fall von Gesundheitsgefährdungen für die Mütter und ganz speziell, wenn es sich dabei um Mädchen handelt
  • Den Schutz der Privatsphäre von Patientinnen
  • Angemessene medizinische Behandlung von Frauen und Mädchen nach Fehlgeburten oder unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen
  • Die Einführung der ärztlichen Schweigepflicht
  • Sterilisierungen nur freiwillig und nach ausreichender Information
  • Aktives Handeln gegen die Diskriminierung von Frauen durch eine klare Definition der Verletzung von sexuellen und reproduktiven Rechten als gesetzeswidrig und Folter
  • Die Trennung von freier Meinungsäußerung und beruflichen Verpflichtungen im medizinischen Bereich
  • Den Zugang zu Information und Aufklärung für alle Mitglieder der Gesellschaft, die Beachtung des Willens minderjähriger Mädchen, sowie Kampagnen zur Abschaffung von Stereotypen und Verallgemeinerungen im sexuellen Bereich
  • Die Abschaffung von Diskriminierung durch Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft und wirtschaftlichen Hintergrund durch allgemeinen Zugang zu modernen Verhütungsmethoden
  • Die Garantie für rechtliche Unterstützung im Fall von Folter und Missbrauch und die gesetzliche Verfolgung der Täter

Vom Interamerikanischen System zum Schutz der Menschenrechte fordert Amnesty zudem:

  • Klare Richtlinien zum Schutz der Frauen, an denen sich die Staaten orientieren können
  • Eine Debatte über das Konzept des „Lebens in Würde“ in Bezug auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit
  • Eine Vertiefung der Debatte über Schwangerschaft und Mutterschaft von Kindern unter dem Aspekt, dass eine Schwangerschaft IMMER das Leben von Kindern gefährdet

Bericht: THE STATE AS A CATALYST FOR VIOLENCE AGAINST WOMEN. VIOLENCE AGAINST WOMEN AND TORTURE OR OTHER ILL-TREATMENT IN THE CONTEXT OF SEXUAL AND REPRODUCTIVE HEALTH IN LATIN AMERICA AND THE CARIBBEAN

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