Simbabwe: Ohne Bildung keine Zukunft

Nach den Massenzwangsräumungen 2005 können etwa 222.000 Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 18 Jahren keine Schule mehr besuchen. Den Kindern und ganz besonders den Mädchen, wird die Zukunft verbaut.Im Jahr 2005 hatte die  Regierung Simbabwes ein Programm von Massenzwangsräumungen gestartet, das mehr als 700 000 Menschen in unbeschreibliches Elend stürzte. 
Dieses „Säuberungsprogramm“ wurde zynisch Operation Murambatsvina („Weg mit dem Müll“) genannt. Viele Armensiedlungen rund um die Städte wurden dem Erdboden gleich gemacht. Im Rahmen der Operation Garikai/ Hlalani Kuhle („Für ein besseres Leben“) wurden einige wenige Ersatzsiedlungen initiiert. Die meisten Menschen müssen dort nach mehr als sechs Jahren noch immer unter Plastikverschlägen hausen. Mit den Häusern und Hütten waren auch Arbeitsstätten und Schulen zerstört worden. Etwa 222.000 Kinder und Jugendlichen zwischen fünf und 18 Jahren konnten keine Schule mehr besuchen. 
In den Garikai-Siedlungen wie Hopley und Hatcliffe Extension gibt es keine  staatlichen Schulen. In Eigeninitiative haben die BewohnerInnen nicht-registrierte Schulen organisiert, die aber äußerst mangelhaft sind. Es gibt  keine Unterrichtsmaterialien, keine ausgebildeten LehrerInnen und der Unterricht findet unter Strohdächern oder Planen statt. 
Viele Familien haben kaum ein Einkommen und können die Schulgebühren und Uniformen für den Besuch einer staatlichen Schule in Nachbarsiedlungen nicht bezahlen. 13-jährige Kinder arbeiten in benachbarten Farmen oder als Bauarbeiter, um das Überleben zu sichern.
Mädchen und junge Frauen sehen sich gezwungen zu heiraten, um versorgt zu sein oder müssen Geld durch Prostitution verdienen. Sie alle haben durch Operation Murambatsvina ihre  Schulausbildung abbrechen müssen.
In den staatlichen Schulen werden Kinder aus den Garikai-Siedlungen häufig als „schmutzig und blöd“ diffamiert, weil sie unter Plastikplanen leben und einen weiten Schulweg über schlammige Wege zurücklegen müssen.
Das Scheitern der Regierung, den Kindern und Jugendlichen, die von der Operation Murambatsvina direkt betroffen waren, eine Bildung zu gewährleisten, stellt einen Rückschritt in der Bildungslandschaft des Staates dar und verletzt das Recht auf Bildung.

Kinder in einer Behelfsschule in Hopley

Langfristige Strukturfehler.  Abgesehen von diesen Massenvertreibungen, die den Menschen nicht nur ihrer Möglichkeit auf Schulbildung, sondern ihrer gesamten Lebensgrundlage beraubt hat, erfüllt Zimbabwe in keiner Weise die festgesetzten Standards. Im Großteil aller Grundschuleinrichtungen sind Schulgebühren zu bezahlen, was den internationalen Abkommen klar widerspricht. Darüber hinaus leben viele EinwohnerInnen von Einnahmen aus dem informellen Sektor, der durch die Massenvertreibungen nun eliminiert wurde und Arme noch weiter in die Armut treibt.
In einem Land, in dem offiziell 80 Prozent der Erwerbsfähigen arbeitslos sind und für die der informelle Sektor die einzige Einkommensquelle darstellt, erhöht sich nun drastisch die Zahl jener, die auf Hilfslieferungen angewiesen sind. Ernährung und Gesundheit, insbesondere HIV/AIDS, sind die einzigen Sektoren, die nun Priorität haben, für Schulbildung bleiben kaum Ressourcen.
Selbst wenn Eltern es zustande bringen, das Schulgeld zur Gänze zu bezahlen (25 bis 55 USD für drei Monate) – Ratenzahlungen sind meist nicht gestattet – so werden viele Kinder trotzdem vom Unterricht ausgeschlossen, da sie keine passende, natürlich selbst zu bezahlende Schuluniform tragen.
Selbst staatlich eingerichtete Fonds verfehlen ihre Zielgruppe, da nur Kinder Unterstützung bekommen, die eine Geburtsurkunde nachweisen können, was in Anbetracht der Zerstörungen und gewaltsamen Vertreibungen eine Farce darstellt. Außerdem können an den Programmen nur Kinder teilnehmen, die eine staatlich anerkannte Schule besuchen, alle SchülerInnen der informellen Schulen bleiben ausgeschlossen.

Kinderarbeit. Dazu kommt, dass viele Kinder schlichtweg ihren Teil  zum kärglichen Haushaltsbudget beitragen müssen, sei es auf Farmen, wo sie mit Mais und Kartoffeln entlohnt werden, oder auf Baustellen, auf denen 13-Jährige schuften, um zerstörte Siedlungen wieder zu errichten. Besonders betroffen sind Kinder, die mit den Großeltern aufwachsen und jene, die in einem Haushalt mit ausschließlich Kindern (!) leben, der von den ältesten Geschwistern geführt wird.
Die Qualität der gebotenen Schulbildung ist in den meisten Fällen weit unter dem Mindeststandard. Meist stehen weder ausgebildete LehrerInnen noch Material und Bücher zur Verfügung, selbst Möbel und Gebäude sind oft nur unzureichend vorhanden. Lernfortschritte sind kaum zu bemerken, es handelt sich eher um eine Maßnahme zur Verkürzung der Tagesfreizeit der Kinder. Viele der Kinder besuchen eine informelle Schule, die zwar weitaus billiger ist, aber deren Standard noch schlechter ist als der der staatlichen. Die staatlichen Examen, die für den Aufstieg in eine höhere Schulstufe notwendig sind, sind oft nicht zu schaffen. Darüber hinaus laufen die informellen Schulen Gefahr, bei jeder Gelegenheit sogar mit polizeilicher Unterstützung geschlossen zu werden.
Besonders Mädchen und junge Frauen sind von dem Bildungsmangel mehrfach betroffen. Ohne Schulbildung ist ein Zugang zum (informellen) Arbeitsmarkt ob der Konkurrenz umso schwieriger, viele retten sich daher sehr früh in die Ehe mit oft älteren Männern, um der Sexarbeit, die oft als einzige Alternative bleibt, zu entgehen.

Politische Polarisierung als Barriere. Engagement und Unterstützungen jedweder Art verlaufen in Zimbabwe entlang der Parteilinien, was nicht nur die Chancengleichheit ins Wanken bringt, sondern für die BürgerInnen Gewalt, Drohungen und persönliche Verfolgung bedeutet. Die Ministerien für Bildung und Kultur sowie für Soziales und Wohnen sind von Tsvangirais MDC-Partei besetzt,  Bezirksadministrationen sowie ländliche und städtische Entwicklung werden von Mugabes ZANU-PF besetzt, was einer permanenten gegenseitigen Blockade gleichkommt.

Amnesty international empfiehlt der Regierung von Zimbabwe, insbesondere dem Ministerium für Bildung, Sport, Kunst und Kultur, sowie internationalen PartnerInnen unter anderem folgende Punkte umzusetzen:

– Unverzügliche und unabhängige Aufarbeitung der Operation Murambatsvina und ähnlicher Vertreibungen

– Unverzügliche Implementierung einer nationalen Bildungsstrategie, die die in den unterzeichneten Verträgen festgehaltenen Standards realisieren

– Zugang zu Bildungsfonds unabhängig von Geburtsurkunde  oder dergleichen

– Abbau von Barrieren jeglicher Art, um den Zugang zu staatlichen Examen für alle zu gewährleisten

– Installierung eines Monitoringsystems zur Kontrolle des Ausbildungsniveaus

– Abbau von Zugangsbarrieren insbesondere für Mädchen und andere benachteiligte Gruppen

– Sicherstellung der allgemeinen Lebensgrundlage (Wohnen, Arbeit, Nahrung) insbesondere für die von Vertreibung Betroffenen, um einen weiteren Zugang zu Bildung zu gewährleisten.   

Helfen Sie mit!
Bitte schreiben Sie  an den Sozialminister Simbabwes und fordern Sie den Zugang zu Bildung sicherzustellen.

Hon Giles Mutsekwa
Minister of National Housing and Social Amenities
Ministry of National Housing and Social Amenities
Private Bag 7780
Harare
SIMBABWE

Musterbrief
Dear Minister,

I am writing this letter to express my concern that thousands of children resettled in Hatcliffe Extension, Hopley and other Garikai settlements are being denied their right to school education.
The majority of residents in both communities and other Garikai settlements are victims of the mass forced evictions in 2005, known as Operation Murambatsvina, which directly affected more than 700 000 people.
Around 2000 children from Hopley community are attending unregistered schools set up by the community. But these non-registered schools do not receive government support and the quality of education is very poor because there is a shortage of trained teachers, furniture, stationary, textbooks and shelter.
The government of Zimbabwe has international human rights obligations to ensure free and compulsory primary education for all children in Zimbabwe and freedom from discrimination in
access to education.
Therefore I am urging you to take steps to:
•    Immediately commission an independent study into the long term impact of Operation
Murambatsvina on the right to education;
•    Immediately adopt and implement a national developmental education strategy which
ensures that as a priority, all children access free, compulsory primary education;
•     Immediately ensure that the right of access to public educational institutions and
programmes on a non-discriminatory basis and in particular ensure that children without birth
certificates are not denied access to BEAM assistance;
•    Take steps to support people’s self-help initiatives to provide education, including facilitating the work of non-government organisations involved in education, and ensuring that legal and
technical barriers faced by the poor are minimised.

Sincerely, 

Übersetzung

Sehr geehrter Minister!

Ich bin besorgt, dass Tausende von Kindern, die im Zuge der Operation Garikai nach den Massenzwangsräumungen im Jahr 2005 in Hatcliffe Extension und Hopley wieder angesiedelt worden sind, keinen adäquaten Zugang zu Schulbildung haben, weil die Regierung keine kostenfreie Grundschulbildung sicherstellt.
Viele Kinder, die in diesen Gemeinschaften leben, besuchen provisorische Gemeindeschulen, weil sie die Schulgebühren nicht bezahlen können, die von registrierten staatlichen Schulen in den Nachbargemeinden gefordert werden. Die nicht-registrierten Schulen, die von den Gemeinden betrieben werden, erhalten keinerlei staatliche Unterstützung. Die Qualität der Schulbildung ist in diesen Schulen sehr schlecht.
Ich fordere Sie auf:
•    Schritte zu unternehmen, um die Selbsthilfe- Initiativen der Gemeinden für eine Schulbildung zu unterstützen;
•    Sicherzustellen, dass die Kinder in Hopley, Hatcliffe Extension und anderen Garikai-Siedlungen freien und verpflichtenden Zugang zu Grundschulbildung haben;
•    Unverzüglich eine unabhängige Studie in Auftrag zu geben, um die Auswirkungen der Massenzwangsräumungen auf das Recht auf Bildung zu  untersucht.

Hochachtungsvoll,
 

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