Kolumbien: Opfer sexueller Gewalt werden im Stich gelassen

Frauen und Mädchen werden in Kolumbien oft wie Kriegstrophäen behandelt. Angehörige aller Konfliktparteien üben sexuelle Gewalt aus, um Frauen zu bestrafen oder sie zum Schweigen zu bringen. Bestraft werden die Täter kaum.

Millionen von Frauen, Männern und Kindern wurden in Kolumbiens 45-jährigem Konflikt vertrieben, willkürlich verhaftet, außergerichtlich hingerichtet, gefoltert, vergewaltigt, entführt oder sind verschwunden. Amnesty International schätzt, dass in Kolumbien in den letzten 25 Jahren zwischen drei und fünf Millionen Menschen intern vertrieben wurden.
Im jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt in Kolumbien kämpfen die Streitkräfte und Paramilitärs gegen die verschiedenen links stehenden Guerillagruppen. Alle Konfliktparteien sind für weitverbreitete und schwerwiegende Straftaten unter internationalem Recht und für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, viele davon sind Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die vorsätzliche und systematische Unterlassung, zwischen Zivilpersonen und Kämpfern zu unterscheiden, ist eines der Kennzeichen des Konflikts.


Eine Gruppe junger Opfer fordert Gerechtigkeit.  Auf ihren Handflächen steht: Nein zu sexueller Gewalt.
 © Corporación Sisma Mujer

Straffreiheit für sexuelle Gewalt. Der neue Bericht von Amnesty International “This is what we demand. Justice!” zeigt auf, wie die Behörden den Überlebenden von sexueller Gewalt ihr Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung verweigern.
Das Fehlen von glaubwürdigen offiziellen Statistiken und die Angst der Betroffenen, solche Straftaten anzuzeigen, machen es sehr schwierig, das effektive Ausmaß des Problems zu evaluieren. Die vorliegenden Statistiken zeigen zudem nicht klar auf, welche Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit dem Konflikt im Zusammenhang stehen.
Im Jahr 2010 hat das Nationale Institut für Gerichtsmedizin und forensische Wissenschaft 20.142 Fälle von mutmaßlicher sexueller Gewalt untersucht, verglichen mit 12.732 im Jahr 2000. Bei den mehr als 20.000 Untersuchungen betreffen über 85 Prozent Fälle von Minderjährigen.
Zu einer Ermittlung kommt es sehr selten. Gemäss Statistik der Generalstaatsanwaltschaft laufen neben den vom Verfassungsgericht im Jahr 2008 in Auftrag gegebenen 183 Untersuchungen nur gerade für 68 weitere Fälle von sexueller Gewalt in Verbindung mit dem Konflikt Ermittlungen.

Arme Frauen sind besonders gefährdet. Die kolumbianischen Sicherheitskräfte, Paramilitärs und Guerillagruppen üben alle Gewalt an Frauen und Mädchen aus, sie brauchen die Frauen als Sexsklavinnen oder führen Racheakte aus.
Sexuelle Gewalt sät Schrecken innerhalb von ganzen Gemeinden und zwingt ganze Familien zur Flucht, deren zurückgelassenes Land sich dann Dritte widerrechtlich aneignen.
Opfer von sexueller Gewalt sind insbesondere indigene Frauen und Mädchen und solche mit afrikanischer Abstammung, aber auch intern Vertriebene und ganz generell von Armut betroffene Frauen.
Menschenrechtsverteidigerinnen und ihre Familien werden besonders bedroht und eingeschüchtert.

Unvorstellbare Brutalität. Carolina (Name geändert) war ein führendes Mitglied ihrer Gemeinschaft in einer Stadt im Departement Caldas, im Westen Kolumbiens. 2007 wurde ihr Sohn von einem jungen Mann einer paramilitärischen Gruppe vergewaltigt, Carolina erstattete Anzeige.
Mitglieder der paramilitärischen Gruppe versuchten, Carolina dazu zu bringen, die Anzeige zurück zu ziehen. Als sie ablehnte, bedrohten sie Carolina und zwangen sie zuzuschauen, wie sie eines ihrer Opfer verstümmelten. Im Mai 2007 wurde Carolina entführt und von acht Paramilitärs vergewaltigt. Als Folge davon wurde sie schwanger. Als der paramilitärische Kommandant von der Schwangerschaft erfuhr, befahl er seinen Männern Carolina zu verprügeln; sie verlor das Baby.
Im Juni 2007 wurde sie im Rahmen des Schutz­programms der Generalstaatsanwaltschaft in eine andere Stadt umgesiedelt, aber die Bedrohungen hielten an, sodass sie abermals umgesiedelt werden musste. Carolina lebte ein Jahr lang unter dem Schutzprogramm, heute erhält sie keinen Schutz mehr.
Im September 2008 wurde der Fall, auch aufgrund des Drucks von Frauen-NGOs, an die Menschenrechtsabteilung des Staatsanwalts in Bogotá übergeben. Doch die zuständige Abteilung lud Carolina nie zu einer Zeugenaussage vor.
Im August 2010 wurde der zuständige Staatsanwalt gewechselt. Der neue Staatsanwalt hat anscheinend erst kürzlich damit begonnen, Carolinas Fall zu bearbeiten.

Kolumbiens Regierung muss handeln. Amnesty International fordert von den kolumbianischen Behörden, dass sie in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen eine umfassende Strategie erarbeiten, um die im Kontext des bewaffneten Konflikts stehende Gewalt gegen Frauen zu verhindern, begangene Verbrechen wirksam aufzuklären sowie die Opfer zu entschädigen.
„Die Kolumbianischen Behörden müssen einschneidende Maßnahmen ergreifen, um zu gewährleisten, dass die Verantwortlichen für sexuelle Gewalttaten – von denen viele Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind –  zur Rechenschaft gezogen werden. Sollten die Behörden dies weiterhin unterlassen, müsste der internationale Strafgerichtshof eingeschaltet werden“, sagt Susan Lee, Direktorin für den amerikanischen Kontinent bei Amnesty International.

Lesen Sie vollständigen englischen Bericht  “This is what we demand. Justice!” Impunity for sexual violence against women in Colombia’s armed conflict.

Helfen Sie mit! Schreiben Sie an die verantwortlichen kolumbianischen PolitikerInnen und fordern Sie Schutz für Frauen und Mädchen und Gerechtigkeit für die Opfer sexueller Gewalt.

Appelle an:

Señor Juan Manuel Santos Calderón
Presidente de la República
Palacio de Nariño
Carrera 8 No.7-26
Bogotá
KOLUMBIEN
Fax +57 1 596 0631
Korrekte Anrede: Dear President/Excmo. Sr. Presidente
 
Minister of Defence
Juan Carlos Pinzón
Ministerio de Defensa
Carrera 54, no.26-29
Centro Administrativo Nacional (CAN)
Bogotá
KOLUMBIEN
Fax: +57 1 266 1003
Anrede: Dear Minister/Estimado Sr. Ministro

Presidential Councillor for Women's Equity
Cristina Plazas Michelsen
Consejería Presidencial para la Equidad para la Mujer
Calle Séptima 6-54
Bogotá
KOLUMBIEN
Fax: +57 1 562 3571
Anrede: Dear Ms. Plazas/ Estimada Sr. Plazas

Musterbrief:

Korrekte Anrede,

I call on the Colombian government to condemn violence against women in the context of the conflict and to send a clear message that this violence must be acknowledged and condemned by the Colombian Government and the international community and must therefore be urgently addressed.
I urge the Colombian government to end impunity in cases of sexual violence committed in the context of the armed conflict and to recognise conflict-related sexual violence cases as war
crimes and crimes against humanity.
Please ensure that the Colombian Government commits to taking concrete and practical
measures to end impunity in cases of violence against women, in line with its obligations
to exercise due diligence in ending violence against women.

Sincerely,

Übersetzung:

Ich fordere die kolumbianische Regierung auf, Gewalt gegen Frauen im Zusammenhang mit bewaffneten Auseinandersetzungen zu verurteilen und Schritte dagegen zu setzen.
Die kolumbianischen Behörden müssen einschneidende Maßnahmen ergreifen, um zu gewährleisten, dass die Verantwortlichen für sexuelle Gewalttaten – von denen viele Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind –  zur Rechenschaft gezogen werden.
Bitte stellen Sie sicher, dass die kolumbianische Regierung sich verpflichtet, konkrete Maßnahmen gegen die Straflosigkeit bei Gewalt gegen Frauen zu setzen und ihrer Sorgfaltspflicht zum Schutz von Frauen und Mädchen nachkommt.

Hochachtungsvoll,

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