Kanada: Gewalt an INDIGENEN FRAUEN UND MÄDCHEN

Demonstration für die Rechte der indigenen Frauen und
Mädchen in Kanada

In Kanada werden indigene Frauen und Mädchen (Angehörige der Métis, Inuit und First Nations) überdurchschnittlich häufig Opfer von Gewalttaten, darunter auch Morden. Mehr als 1.000 indigene Frauen „verschwanden“ oder wurden in den letzten 30 Jahren ermordet.

Von sexuellem Missbrauch innerhalb und außerhalb der Familie über Gewalt am Arbeitsplatz und auf der Straße bis hin zu ungeklärten Todesfällen – für viele indigene Frauen und Mädchen sind Gewalttaten in ihren unterschiedlichen Ausformungen Teil des Alltags.
Weitverbreiteter Rassismus, Verarmung und Ausgrenzung sind mitverantwortlich dafür, dass indigene Frauen besonders von Gewalt bedroht sind. Zudem gewähren ihnen weder Polizei noch Regierungsbehörden einen angemessenen Schutz.

Connie Greyeyes, eine Aktivistin der Cree, unterstützt
Familien, in denen Frauen „verschwanden“ und brachte die Regierung dazu, endlich eine nationale Erhebung zu beginnen.
© Amnesty International Canada

Unzureichende Wohnverhältnisse, Diskriminierung beim Zugang zu Sozialleistungen und mangelnde Unterstützung durch die Behörden führen dazu, dass indigene Frauen unter Bedingungen leben, die ein erhöhtes Gewaltpotenzial bergen. Hierzu zählen überfüllte Häuser, illegaler Drogenhandel und Sexarbeit. Die Regierung hat vor kurzem eine landesweite Untersuchung in Auftrag gegeben, die die Ursachen für das Ausmaß an Gewalt gegen indigene Frauen und Mädchen klären soll. Dies hatten Organisationen, die sich für indigene Frauen einsetzen, seit langem gefordert. Notwendig sind aber auch Sofortmaßnahmen, um die größten Defizite beim Schutz und der Unterstützung indigener Frauen und Mädchen in Kanada zu bekämpfen. Dazu zählt unter anderem, dass es viel zu wenig Anlaufstellen und Schutzräume für indigene Frauen und Mädchen in Notfallsituationen gibt.

Werden Sie aktiv! Fordern Sie wirksamen Schutz für indigene Frauen und Mädchen. Schicken Sie einen Brief (Download hier)an die zuständige Ministerin oder schreiben Sie an die kanadische Botschaft mit der Bitte um Weiterleitung an Federal Minister of Indigenous and Northern Affairs Honourable Carolyn Bennett: vienn@international.gc.ca

Gewalt als normal erlebt. Norma Pyle, ein Angehörige der Blueberry River First Nation, beschreibt ihre Kindheit in einem Interview so: „Gewalt gegen Frauen war für ein heranwachsendes Kind normal. Es war einfach normal, Gewalt innerhalb des Hauses, der Community und wohin man auch ging zu erleben. Die Sache war die, niemand wusste zu dieser Zeit, dass es nicht normal war.“
Ähnliches erzählte auch Helen Knott, eine der zahlreichen indigenen Frauen, die Amnesty International im Zuge der Recherchearbeit in Fort St. John interviewte: „Gewalt war mein Leben. Ich habe nicht einmal bemerkt, dass das nicht normal war. Wenn man in seinem Leben viel Gewalt erfährt, wird sie ein Teil des Alltags.“ Fort St. John liegt im Nordwesten der kanadischen Provinz British Columbia. Hier schafft die an sich schon überdurchschnittlich hohe Kriminalitätsrate zusätzliches Gewaltpotential.

Frauen verschwinden. In Fort St. John zeigen die Statistiken der Polizei eine große Anzahl an Gewaltverbrechen auf. Doch aufgrund der Stigmatisierung in der Gesellschaft sowie der langwierigen Prozesse wird nur ein Bruchteil der Fälle überhaupt erfasst.
In den zahlreichen Interviews, die Amnesty International hier führte, wurden überdies auf zahlreiche Todesfälle aufmerksam gemacht, in deren Verlauf indigene Frauen einfach verschwanden. Sie wurden teilweise nach Jahren ermordet aufgefunden, andere sind bis heute vermisst. Die meisten dieser Morde wurden nie aufgeklärt.
Am 1. September 2016 begann eine landesweite Untersuchung, die von der kanadischen Regierung in Auftrag gegeben wurde, um die Ursachen für das Ausmaß an Gewalt gegen indigene Frauen und Mädchen aufzuklären. Schon lange hatten dies zahlreiche Organisationen gefordert, die sich für indigene Frauen einsetzten. Die Untersuchung endet voraussichtlich im Dezember 2018. Bis dahin ist es dringend notwendig, Anlaufstellen zu schaffen, die indigenen Frauen und Mädchen Schutz bieten.
Wieso wird dem Leben einer indigenen Frau in der Gesellschaft nicht derselbe Wert beigemessen wie dem einer nicht-indigenen Frau? Melina Laboucan Massimo, eine Umweltaktivistin der Lubicon Cree First Nation, sieht die Gründe für die Ausschreitungen gegenüber indigenen Frauen und Mädchen in einer kolonialen Einstellung, wie sie im April 2016 in der New York Times schrieb: „Wir müssen die patriarchalen, rassistischen und kolonialen Denkweisen in der kanadischen Gesellschaft benennen, um wirksam die Gründe dafür aufzudecken, wieso in der kanadischen Gesellschaft das Leben indigener Frauen und Mädchen als nicht gleichwertig mit dem der nicht-indigenen Frauen betrachtet wird.“
Amnesty setzt sich gemeinsam mit der Native Women’s Association of Canada seit mehr als zehn Jahren für die „Stolen Sisters“ – die  indigenen Frauen und Mädchen ein.

Druck durch Staudammprojekt. In Kanada bedroht jetzt ein Staudammprojekt das Leben indigener Gemeinden. Obwohl ihre Rechte durch die Verfassung geschützt sind, hat der Bau bereits begonnen. Der Peace River fließt durch die kanadische Provinz British Columbia. Genau dort wird eines der größten Wasserkraftwerke des Landes gebaut.
Für das Projekt „Site C“ soll auf einer Länge von mehr als 80 Flusskilometern ein riesiger Stausee entstehen. Im geplanten Überflutungsbereich liegen hunderte heilige Orte der „First Nations“.
Um das Vorhaben zu stoppen, sind die indigenen Gemeinden aus dem Peace River Valley vor Gericht gezogen. Sie hoffen, dass es noch nicht zu spät ist, den Kurs zu ändern und den bereits entstandenen Schaden zu beheben. Doch obwohl das Urteil noch aussteht, haben die Bauarbeiten bereits begonnen. Amnesty befürchtet, dass sich mit dem wirtschaftlichen Druck durch das Staudammprojekt die Sicherheitslage für die indigenen Frauen und Mädchen weiter verschlechtert.

Werden Sie aktiv! Fordern Sie wirksamen Schutz für indigene Frauen und Mädchen. Schicken Sie einen Brief (Download hier)an die zuständige Ministerin oder schreiben Sie an die kanadische Botschaft mit der Bitte um Weiterleitung an Federal Minister of Indigenous and Northern Affairs Honourable Carolyn Bennett: vienn@international.gc.ca

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