Kambodscha: Frauen kämpfen um ihr Zuhause

Frauen kämpfen an vorderster Front im Widerstand gegen Zwangsräumungen, gegen die Zerstörung von Häusern und das Niederwalzen von Wäldern. Sie trifft es am härtesten, wenn ihre Anstrengungen scheitern.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich Kambodscha von bewaffneten Konflikten, wirtschaftlichem Zusammenbruch und Isolation befreit. Frauen haben dadurch mehr Möglichkeiten aber auch größere Herausforderungen zu meistern. Während sie das Rückgrat der Familie sind und sich um den Haushalt kümmern, gehören Frauen gleichzeitig zu den erfolgreichsten UnternehmerInnen, ExpertInnen, PolitikerInnen, AktivistInnen, KünstlerInnen und GemeindevorsteherInnen des Landes.

Doch viele Frauen können von diesen Chancen nicht profitieren. Rechtswidrige Zwangsräumungen hindern sie daran, der Armut zu entkommen. Zehntausende sind davon betroffen. Entwicklungsprojekte und Landstreitigkeiten sind oftmals der Auslöser, wobei das Wohlergehen der betroffenen Gemeinden den Forderungen der großen Unternehmen untergeordnet wird. Viele hart erkämpfte Erfolge bei der Armutsbekämpfung der letzten zwei Jahrzehnte werden dadurch zunichte gemacht.
Rechtswidrige Zwangsräumungen führen häufig zu einem Verlust der Lebensgrundlage der Familie und einem Zusammenbruch des sozialen Netzwerks, auf das vor allem Frauen in ihrem Alltag angewiesen sind. Oft müssen die Kinder den Schulbesuch unterbrechen, der Zugang zum Gesundheitssystem wird erschwert und das physische und mentale Wohlbefinden der Familie wird beeinträchtigt. Viele Opfer werden weit entfernt von den urbanen Zentren angesiedelt. Dadurch sind die Männer gezwungen, getrennt von ihren Familien zu leben. Die Frauen müssen sich alleine um den Alltag und die Familie kümmern.


Frauen protestieren in der Hauptstadt Phnom Penh gegen Zwangsräumungen, 25. Mai 2011

Beide Frauen, deren Geschichten hier erzählt werden, sind Opfer von rechtswidrigen Zwangsräumungen.

HOY MAI. Im Jahre  2008 vergab das Landwirtschaftsministerium drei Konzessionen an private Unternehmen in der Provinz Odday Meanchey – alle mit dem Zweck, Zuckerplantagen anzulegen und Verarbeitungsfabriken zu bauen. In dieser Provinz liegt auch Bos, das Heimatdorf von Hoy Mai.
Unternehmen wie Behörden versäumten es, die betroffenen Familien ausreichend über diese Pläne oder gar über ihre Rechte an ihrem Wohn- und Ackerland zu informieren. Zwar wurden ihnen andere Grundstücke angeboten, jedoch deutlich kleinere als ihr ursprünglicher Besitz. Trotz  Einschüchterungen und Drucks seitens der Behörden lehnten die meisten die Angebote ab.
Mitarbeiter einer Firma begannen wenig später, erste Häuser in Bos zu zerstören, die Reisfelder zu roden und Zuckerrohr darauf zu pflanzen.
Proteste der AnwohnerInnen ignorierten sie. Viele der Familien gerieten dadurch in schlimme Notlagen, einige wurden obdachlos. Mai und ihrer Dorfgemeinschaft fehlten Nahrungsmittelvorräte für das folgende Jahr.
Am 9. Oktober 2009 wurden die Reste von Mais Dorf Bos durch Angehörige der Polizei und der Forstverwaltung  niedergebrannt. Mai dazu: „Mein Haus, mein Besitz, Ausweise, Kleider, Fotos – alles ging in Flammen auf. Nichts blieb übrig“. Die Polizei richtete ihre Waffen auf alle, die es wagten, ihren Besitz zu verteidigen.
Mai machte sich  zusammen mit einigen Männern auf die beschwerliche Reise zu Fuß, mehr als 250 km zur Hauptstadt Kambodschas Phnom Penh, um Premierminister Hun Sen um Hilfe zu ersuchen. Sie wurden jedoch festgenommen und beschuldigt, das Forstrecht verletzt zu haben und ins Gefängnis geworfen.
Mai war damals im fünften Monat schwanger. Trotz katastrophaler Bedingungen im Gefängnis und Mais angeschlagener Gesundheit entwickelte sich die Schwangerschaft bis zum Ende. „Es war sehr schwierig“, sagt Mai, „ich war krank und blutete und ich hatte so viele Schmer­zen. Niemand kümmerte sich um mich.“ Mai berichtet, ihr Zustand während der Wehen sei dann so schlecht gewesen, dass sie in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Wenige Stunden nach der Geburt ihres Jungen brachte man Mai zurück ins Gefängnis.
Erst acht Monate nach ihrer Verhaftung wurde Mai einem Richter vorgeführt. Anstatt sie illegaler Abholzung anzuklagen – der „Grund“ für ihre Verhaftung – sagte das Gericht, sie werde freikommen bei Unterzeichnung einer Vereinbarung, in der sie auf alle Ansprüche im Dorf Bos verzichten und anderes Land als Ersatz akzeptieren würde. Mai unterschrieb und reiste zurück. Das versprochene Grundstück erhielt sie nie. Sie musste im Haus ihrer ältesten Tochter mit unterkommen. Sie versucht, für ihre Familie täglich zwei kleine Mahlzeiten zu bereiten – aus Reis, gespendet von einer NGO, und aus dem, was sie sonst von Tag zu Tag finden kann.
Mai, jetzt 48, hat acht Kinder im Alter von 28 bis knapp über ein Jahr. Sie erklärt, nie so viele Kinder gewollt, aber auch nie etwas über Geburtenkontrolle gelernt zu haben. Jedoch gab es vor der Räumung „immer genug zu essen, auch  für die große Familie… es gab keinen Hunger“, sagt sie. „Wir konnten Fisch und Fleisch finden, sowie Pilze sammeln und sie  verkaufen oder essen“.
Heute ist von Mais Dorf nichts mehr zu sehen. Bewaffnete Arbeiter bewachen eine Zuckerrohrplantage, die von leeren Feldern umgeben ist. Die einst üppigen Wälder der Region wurden im letzten Jahrzehnt stark abgeholzt, trotz eines seit 2002 geltenden landesweiten Verbotes.
Mai ist mittellos, sie fühlt sich völlig im Stich gelassen und  macht die lokalen Behörden für ihre Situation verantwortlich. „Warum lassen diejenigen, die sich täglich um die Menschen kümmern sollten, zu, dass sie [die Unternehmen] den Menschen das Land wegnehmen?“ „Ich weiß nicht, welche Hoffnung mir noch bleibt“, sagt sie. „Es ist alles weg.“
Hoy Mai sprach mit Amnesty International am 17. März 2011.

TEP VANNY. 2007 wurde der Firma Shukaku Inc. ein Pachtvertrag von 99 Jahren über das Gebiet am Boeung Kak See in Phnom Penh bewilligt, um dort zu bauen. Den dort lebenden mittelständischen und armen Familien wurde mit Zwangsräumung gedroht. Viele von ihnen haben nach kambodschanischem Gesetz Anspruch auf formellen urkundlichen Landbesitz. Als Entschädigung hatten sie 8500 US$ oder eine Wohnung 20 km entfernt zur Auswahl, beides inakzeptable Angebote. Vielen Familien, die sich für das Geld entschieden haben, ging dieses aus, noch ehe sie eine andere Wohnung gefunden hatten oder sie fanden nur eine in einem Gebiet, das ebenfalls von Zwangsräumung bedroht ist. Eine Wohnung außerhalb der Stadt macht es den Menschen fast unmöglich, zu ihrer Arbeit im Zentrum zu gelangen oder eine angemessene Anbindung an Krankenhäuser, Schulen und Strom- und Wasserversorgung zu bekommen.
Das Haus von Vannys Familie befindet sich in diesem von rechtswidriger Zwangsräumung bedrohten Gebiet. Vanny und ihr Mann wohnen dort mit ihren beiden Kindern. Diese mussten sie zu den Großeltern geben, als die permanente Bedrohung ihr Leben immer mehr destabilisierte. Früher betrieb Vanny ein kleines Geschäft zum Verkauf von Haushaltswaren und Kosmetik, um den geringen Lohn ihres Mannes aufzubessern. Das musste sie aufgeben, als immer mehr BewohnerInnen wegzogen. Seit 2007 ist das Leben für Vanny und die BewohnerInnen  erheblich schwieriger geworden.
Organisierter Widerstand gegen die Zwangsräumung begann im September 2008. VertreterInnen der BewohnerInnen von Boeung Kak, unterstützt von NGOs und einem kambodschanischen Anwalt, reichten beim Stadtgericht Phnom Penh einen Antrag auf einstweilige Verfügung ein, um die Befüllung des Sees mit Sand zu stoppen, bis die Rechtmäßigkeit des Pachtvertrages geprüft sei. Der Boeung Kak See war ein wichtiges Wassereinzugsgebiet für die Stadt, und die Umwandlung in festen Boden hat in diesem Gebiet Überschwemmungen während der Monsunzeit, verbunden mit katastrophalen und unhygienischen Lebensbedingungen verursacht. Der Antrag wurde jedoch mit der Begründung abgewiesen, das Gericht sei nicht zuständig.
Vanny selbst schloss sich 2009 dem Widerstand an und hat die volle Unterstützung ihres Mannes und ihrer Kinder. Heute gehört sie zu den GemeindevertreterInnen, die sich am  direktesten äußern. Die Menschen rund um den See verlassen sich auf sie und ihren Beistand und Rat. Sie mobilisiert die verbliebenen BewohnerInnen um den See, sich den Protesten vor dem Rathaus und dem Firmenbüro anzuschließen. Durch die Unterstützung von NGOs habe sie viel über ihre Rechte und das Gesetz gelernt, sagt sie. Das habe sie und die Gemeinde mutiger gemacht.
„Ich mache damit weiter, die Gemeinde zu mobilisieren, um die Einstellung der Menschen zu stärken, sodass die Gemeinde (…) standhaft und unabhängig bleibt und die Regierung davon überzeugen kann, (…) ihre Pflicht zu erfüllen und den unschuldigen Menschen zu dienen, die die wirklichen Opfer sind, so wie die Bewohner am Boeung Kak See.“
Es sind vor allem Frauen wie Vanny, die den Widerstand organisieren, und nicht ihre Männer. Die Frauen versuchen, Gewalt zu vermeiden, so Vanny, jedoch gehen die PolizistInnen trotzdem mit aller Härte gegen ihren friedlichen Protest vor. Zweimal schon wurde Vanny verhaftet und über Nacht festgehalten, mehrere Male schon geschlagen.
Ein erster Erfolg wurde jedoch schon errungen: Am 11. August 2011 ordnete der Premierminister an, dass 12,44 Hektar des Boeung Kak Gebiets an die verbleibenden 800 Familien gegeben werden sollen. Dieser Plan wird aber nicht allen nützen, da die Details noch ausgearbeitet werden müssen und manche Familien dabei ausgeschlossen wurden. So ist Vanny mit dem Teilerfolg nicht zufrieden: „Ich bin immer noch besorgt darüber, wie das Stück Land und unsere Leute beschützt werden sollen, damit sichergestellt wird, dass alle, die zusammen gekämpft haben, Nutzen von den 12,44 Hektar haben.“
Und Vanny wird nicht aufgeben: „Ich werde dafür kämpfen, in meinem alten Zuhause  zu bleiben, kämpfen bis zur letzten Runde.“
Tep Vanny sprach mit Amnesty International am 16./17. Februar und am 6. September 2011.

Helfen Sie mit!
Bitte schreiben Sie an die Frauenministerin von Kambodscha und fordern sie, die Zwangsräumungen zu beenden und  Frauen in Verhandlungen über Umsiedlung und Kompensationen einzubeziehen.

Ing Kantha Phavi
Minister of Women’s Affairs
Ministry of Women’s Affairs
#3 Blvd. Norodom
Khan Daun Penh
Phnom Penh
Kambodscha

Musterbrief

Your  Excellency,

Tens of thousands of people are caught in the grip of forced evictions across Cambodia.
Forced evictions often have specific impacts on women. Therefore I urge you to:
• End the practice of forced evictions.
• Suspend all mass evictions until a clear prohibition on forced eviction is adopted and
enforced under national law.
• Develop procedures for women to have equal involvement in the consultation process and in household decisions about choosing compensation, resettlement and/or other forms of
support.
• Give special attention to the particular physical and mental health needs of women during and following resettlement. Guarantee their access to health services.
• All resettlement sites must comply with criteria for adequate housing under international law. Ensure that location of the site facilitates access for women to jobs.

Kind regards,

Übersetzung:

Sehr geehrte Frau Ministerin,

Zehntausende Menschen sind in Kambodscha von rechtswidriger Zwangsräumung bedroht. Für die meisten Betroffenen sind die Entschädigungen oder das angebotene Ersatzgrundstück in der Regel nicht genug um anderswo einen angemessenen Wohnraum oder Lebensunterhalt zu finden. Die Umsiedlungsstätten entsprechen häufig nicht den Anforderungen internationaler Standards. Menschen werden oft gewaltsam und ohne rechtlichen Schutz vertrieben. Versuchen sie ihre Rechte einzufordern, werden sie häufig drangsaliert, bedroht oder gar verhaftet.
Frauen sind von den illegalen Zwangsräumungen besonders betroffen, da die Familie häufig ihre Lebensgrundlage verliert. Soziale Netzwerke auf die vor allem Frauen in ihrem Alltag angewiesen sind, brechen zusammen. Der Zugang zum Gesundheitssystem wird erschwert, das physische und mentale Wohlbefinden der Familie beeinträchtigt. In den Umsiedlungsstätten gibt es vor allem für Frauen kaum Arbeitsmöglichkeiten, die Männer sind gezwungen, getrennt von ihren Familien zu leben, um Geld zu verdienen. Die Frauen müssen sich alleine um den Alltag und die Familie kümmern.
Daher fordere ich sie auf,
– die Praxis der rechtswidrigen Zwangsräumungen zu beenden und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
– Richtlinien zu entwickeln, damit Frauen gleichberechtigt bei der Entscheidung über Kompensation, Umsiedlung und/oder andere Formen der Unterstützung teilhaben.
– während und nach der Umsiedlung die physischen und mentalen gesundheitsbezogenen Bedürfnisse von Frauen besonders zu beobachten und den Zugang zu Gesundheitseinrichtungen zu gewährleisten.
– darauf zu achten, dass die Umsiedlungsgebiete die Kriterien für angemessene Unterkünfte nach internationalem Recht erfüllen und es geeignete Arbeitsmöglichkeiten für Frauen gibt.

Hochachtungsvoll,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.