Hass im Netz: alarmierende Folgen für Frauen

Belästigung und Missbrauch von Frauen in den Sozialen Medien haben verheerende Folgen für die Betroffenen: Sie berichten von Stress, Angst oder Panikattacken, viele leiden unter einem verminderten Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Ebenso ist die Tendenz, sich selbst zu zensieren, nach solchen Erfahrungen hoch – eine unmittelbare Bedrohung für das Recht auf freie Meinungsäußerung. Das zeigt eine aktuelle Umfrage im Auftrag von Amnesty International.„Es ist kein Geheimnis, dass Hass und Missbrauch in den Sozialen Medien florieren. Das Internet kann für Frauen ein bedrohlicher und gefährlicher Ort sein. Doch diese Umfrage zeigt konkret, wie einschneidend die Folgen des Online-Missbrauchs für die Betroffenen sind“, sagt Azmina Dhrodia, Expertin für Neue Technologien und Menschenrechte bei Amnesty International


Online-Gewalt ist heuer das Amnesty-Thema der 16 Tage gegen Gewalt an Frauen vom 25. Nov., dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, bis zum 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte. Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter


Fast ein Viertel betroffen.  Amnesty International beauftragte die Firma Ipsos MORI mit einer Umfrage zu den Erfahrungen von Frauen in Sozialen Medien. Befragt wurden Frauen im Alter zwischen 18 und 55 Jahren in Dänemark, Italien, Neuseeland, Polen, Spanien, Schweden, Großbritannien und den USA zu ihren Erfahrungen mit Missbrauch und Belästigungen in den Sozialen Medien. Die Teilnehmerinnen bezeichnen sich selbst als gelegentliche bis aktive Internetnutzerinnen.

Fast ein Viertel der Befragten (23%) gab an, mindestens einmal Belästigung oder Missbrauch in den Sozialen Medien erlebt zu haben. Dabei lag der Anteil mit 33 Prozent in den USA am höchsten und in Italien mit 16 Prozent am niedrigsten. Alarmierend ist dabei, dass 41 Prozent der betroffenen Frauen angab, sich bei mindestens einer Gelegenheit durch diese Online-Erfahrung körperlich bedroht gefühlt zu haben.

„Das hört nicht einfach auf, wenn du dich ausloggst. Stell dir vor, du erhältst Mord- oder Vergewaltigungsdrohungen, wenn du eine Online-Plattform besuchst oder du befürchtest, dass Fotos mit privatem oder sexuellem Inhalt ohne dein Einverständnis im Internet geteilt werden könnten“, sagt Azmina Dhrodia.

Die psychischen Folgen von Online-Missbrauch. 61 Prozent der betroffenen Befragten sagten, dass sie in der Folge ein vermindertes Selbstwertgefühl oder Verlust an Selbstvertrauen an sich wahrnehmen.

Mehr als die Hälfte (55%) gab an, nach dem Missbrauch oder der Belästigung in den Sozialen Medien an Stress, Angstzuständen oder Panikattacken gelitten zu haben.

63 Prozent erklärten, sie hätten nach dem Missbrauch oder der Belästigung nicht mehr gut geschlafen. In Neuseeland berichteten drei Viertel (75%) der Befragten über diese Folgeerscheinung.

Gut über die Hälfte (56%) sagte, der Missbrauch oder die Belästigung habe dazu geführt, dass sie sich über einen langen Zeitraum hinweg nicht mehr konzentrieren konnten.

Viele zensieren sich selbst. Mehr als drei Viertel (76%) der Frauen, die angegeben hatten, von Belästigung oder Missbrauch in den Sozialen Medien betroffen gewesen zu sein, änderten ihr Verhalten. Dazu zählt die Selbstzensur bei der Veröffentlichung eigener Beiträge: 32 Prozent der Frauen gaben an, dass sie ihre Meinung zu gewissen Themen nicht mehr veröffentlichen. Etwa ein Viertel (24%) der befragten und betroffenen Frauen, gab an, dass sie daraufhin um die Sicherheit ihrer Familie fürchteten.

Soziale Medien sind insbesondere für Frauen und marginalisierte Gruppen ein wichtiger Raum, in dem sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnehmen können. Online-Gewalt und -Missbrauch stellen eine unmittelbare Bedrohung für das Recht auf freie Meinungsäußerung dar.

Betreiberfirmen Sozialer Medien tun zu wenig. In allen Ländern, in denen die Umfrage durchgeführt wurde, beurteilten deutlich mehr Frauen die Maßnahmen der Regierung als unzureichend denn als angemessen. Die Teilnehmerinnen sind auch der Meinung, dass Betreiber von Sozialen Medien mehr unternehmen sollten. Lediglich 18 Prozent der Befragten beurteilten die Reaktionen der Betreiber als ziemlich, weitgehend oder vollständig angemessen.

Amnesty International weist darauf hin, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung auch den Schutz beleidigender, höchst verstörender und sexistischer Meinungsäußerungen einschließt. Doch Gewalt und Missbrauch in Sozialen Medien verlangt je nach Art und Schwere eine Reaktion von Regierungsseite, von Unternehmen, oder beiden Seiten.

Das Recht auf freie Meinungsäußerung muss außerdem für alle in gleichem Maße gelten und schließt auch das Recht von Frauen ein, sich frei äußern und sowohl online wie offline ein Leben frei von Gewalt und Missbrauch führen zu können.

Pamela Merritt ist eine Online-Aktivistin. 2005 startete sie ihren bekannten Blog „Angry Black Bitch“. Sie benutzt diesen sowie andere Social Media Accounts, um Möglichkeiten von Aktivismus für ethnischen Minderheiten, LGBTIQ-Menschen oder für reproduktive Rechte zu schaffen. Beschimpfende Tweets, rassistische, sexistische oder homophobe Kommentare sowie vereinzelte Morddrohungen sind für sie schon Teil des Online-Aktivismus.
„Wenn du über Schwangerschaftsabbruch oder sexuelle Gewalt schreibst, bekommst du Vergewaltigungsandrohungen“, weiß sie.
Wenn möglich, meldet sie diese den sozialen Netzwerken, doch ihre Erfahrungen zeigen, dass sich diese nur sehr selten darum kümmern. Twitter hat bisher erst eine ihrer Meldungen ernst genommen. Als Aktivistin bringt sie nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern auch die Menschen, die ihr nahestehen. Am wichtigsten für Pamela sind ihre Familie und ihre Freund*innen. Ihr ist bewusst, dass es aus 200 Morddrohungen nur eine Person benötigt, die es wirklich versucht. Es gab einen Vorfall, bei dem sich das FBI einschaltete und Pamela informierte, sie solle sehr vorsichtig sein und Posts, die Rückschlüsse auf ihren genauen Aufenthaltsort zulassen, vermeiden, da eine Rechtsextremist versuche, sie zu finden.
Frauen im Fokus der Öffentlichkeit erfahren sehr viel Online-Gewalt. Zum einen, weil sie sich für ein Thema stark machen. Zum andern, weil sie Frauen sind. Dies ist beunruhigend, da es sie davon abhält, sich online frei in Diskussionen zu äußern.

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Hass im Netz: alarmierende Folgen für Frauen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.