Afghanistan: Auf der Flucht vor dem Krieg ins Elend der Slums

Eine halbe Million afghanische Binnenvertriebene leben in provisorischen Behausungen und Slums unter katastrophalen Bedingungen. Frauen sind ganz besonders schlimm betroffen. Die afghanischen Behörden ignorieren nicht nur das Problem, sondern  verhindern sogar, dass internationale Hilfe greifen kann.

Amnesty International fordert die afghanischen Behörden auf, ihren Verpflichtungen nachzukommen und die Grundbedürfnisse der Vertriebenen zu sichern sowie eine Perspektive für ihre Zukunft anzubieten. Auch mit limitierten Ressourcen müssen die Behörden sicherstellen, dass internationale Hilfe genutzt und optimal eingesetzt wird.

Auf der Flucht. Auf Grund der Kampfhandlungen flohen eine halbe Million AfghanInnen aus ihren  Dörfern und Städten – Frauen und Männer, Kinder und Alte wurden heimatlos. In vormals noch relativ friedlichen Provinzen verschärfen sich die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Taliban und anderen bewaffneten Regierungsgegnern auf der einen und den afghanischen und internationalen Streitkräften auf der anderen Seite. Infolge des beschleunigten internationalen Rückzugs erweiterte die Regierung Afghanistans  gemeinsam mit den internationalen Streitkräften ihre Zusammenarbeit  mit irregulären bewaffneten Milizen.  Aber eben diese Milizen sind in zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit verwickelt. Morde, Vergewaltigungen von Frauen, Mädchen und Knaben, eigenmächtige Inhaftierungen, das Verschwindenlassen von Menschen, Land- und Eigentumsdiebstahl häufen sich.  Die Zivilbevölkerung ist den sich entgegenstehenden und konkurrierenden Forderungen der kämpfenden Parteien, der eskalierenden Gewalt und den sich häufenden Kriegsverbrechen hilflos ausgeliefert. Ungeachtet dessen ob sie nach massiven Einschüchterungen die eine oder andere Seite unterstützen. Sie haben keine Wahl.

Immer mehr zivile Opfer. Obwohl die große Mehrheit der zivilen Opfer auf das Konto der Taliban oder anderer aufständischer Gruppen geht, flohen auch viele AfghanInnen vor den Bombardements der International Security Assistance Force (ISAF) oder aus Angst davor, von den Taliban als lebende Schutzschilder missbraucht zu werden. Seit 2007 sind die Zahlen ziviler Todesopfer jährlich angestiegen, laut der UN Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA) hat der Konflikt bereits mehr als 3.000 Leben gefordert.
Zarin, eine 70 jährige Frau, floh 2010 mit ihrer Familie aus Marja ( Provinz Helmand): „Vor zwei Tagen sind wir in Kabul angekommen. Wir mussten den ganzen langen Weg von Marja nach Lashkar Gah (Provinz Helmand) zu Fuß in der Dunkelheit der Nacht zurücklegen. Ich kam mit meiner gesamten neunköpfigen Familie, meinem Ehemann, meinen Söhnen, Töchtern und Enkelkindern. Die Amerikaner und die Regierung forderten uns auf, das Gebiet zu verlassen, bevor sie Marja angreifen würden. So verließen die Menschen das Gebiet, bevor die Offensive begann. Bald schon wurden wir von den Taliban angehalten. Sie untersagten uns, die Provinz zu verlassen. Sie drohten uns, die ausländischen Truppen würden kommen und die Frauen und Mädchen vergewaltigen. Als die Kämpfe dann begannen, wollten die Menschen fliehen, doch die Taliban legten Landminen – überall… Viele Menschen wurden getötet und verletzt. So verließen auch wir dieses Gebiet im Schutz der Nacht, immer in der Angst vor den Taliban. Wir waren so müde und entkräftet, wir waren hungrig und durstig und wir hatten keine Schuhe. Wir blieben nur zwei Nächte in Helmand, man sagte uns, die Taliban hätten uns identifiziert, so flohen wir weiter – den ganzen langen Weg, bis Kabul. Nun sind wir hier angekommen und es gibt keine Hilfe für uns. Seit  zwei Tagen hat die Familie nichts gegessen. Man hat uns vertrieben, wir haben alles verloren, und niemand erfüllt das Versprechen, uns in dieser Situation beizustehen.“ Das Schicksal einer von über 100.000, die sich in den Elendsvierteln nahe der Städte in Sicherheit gebracht haben.

Es mangelt an allem. Alleine nahe Kabul leben rund 35.000 Menschen in 30 Slums. Tausende Menschen leben auf engsten Raum zusammengepfercht, unter entsetzlichen Bedingungen in notdürftig errichteten Unterkünften, mit einem Dach über ihrem Kopf – aus  Plastikplanen, Pappe und Stroh. Sie kämpfen gegen Hunger und Kälte. Es mangelt an allem, an Nahrung, Wasser, Sanitäranlagen, Gesundheitsversorgung, Schulen und Arbeitsmöglichkeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen. In provisorischen Behausungen sind die Binnenflüchtlinge den in Afghanistan herrschenden harten Witterungsbedingungen gnadenlos ausgeliefert. In nur einem Monat erfroren 28 Kinder. Die Vertriebenen müssen sich nicht nur um ihren eigenen Schutz und den ihrer Familien sorgen, gleichzeitig müssen sie auch  mit dem Trauma des Krieges und der erlittenen Flucht fertig werden, überdies ist die Bedrohung plötzlicher Zwangsräumungen allgegenwärtig. Lokale Behörden behindern Initiativen von Hilfsorganisationen, in der Hoffnung, dass die Menschen einfach wieder verschwinden.

Gerade noch überleben: Mädchen in einem Slum in Kabul, Foto: AI

„Wir leben hier nicht, wir überleben.“ Fatima und ihre Familie leben in einer dieser Elendshütten, hergestellt aus um Pfosten geschlungenen Plasikstreifen, die in einer ungefähr ein Meter hohen Lehmmauer stecken, doch Lehm und Plastik schützen kaum gegen den Regen, die Kälte im Winter oder die sengende Hitze des Sommers.
„Diese Mauern habe ich gebaut. Ich sammelte den Lehm, den Schlamm und trug ihn hierher um diese Mauern zu bauen. Wenn es regnet, dringt das Regenwasser ein.“ Um zu verhindern, dass sich die Mauern in ihre Bestandteile auflösen, müssen sie unablässig ausgebessert werden. Den Bau dieser Behausung und die Instandhaltung der Wände sind Dinge, die sie gelernt  hat  – weil sie es musste.
Einerseits dringt das Regenwasser in die notdürftig erbauten Hütten, andererseits aber fehlt den Menschen dort selbst das Minimum an Wasser, das benötigt wird, um ein hygienisches Mindestmaß aufrecht erhalten zu können.
Wasser ist lebensnotwendig. Doch in vielen Elendsquartieren ist Wasser, das von privaten Anbietern auf Lastwägen angeliefert wird, im wahrsten Sinne „unbezahlbar”. Oft müssen es Frauen und Kinder kilometerweit aus entfernten Brunnen herbeischleppen. Selbst in den Gemeinschaften, die über Wasserpumpen verfügen, ist deren Anzahl nicht ausreichend, um den täglichen Bedarf zu decken. Eine Vielzahl der BewohnerInnen muss mit weniger als 10 Litern Wasser pro Person und Tag auskommen.
F. antwortet auf die Frage zur Wasserversorgung: „Es gibt einen Tanker, der uns das Wasser bringt. Pro Gallone müssen wir 10 Afghanis ($ 0.20) zahlen. Wegen der Kinder brauchen wir aber 4  bis 5 Gallonen pro Tag. Zu allem braucht man Wasser, zum Trinken, Kochen, Waschen, Saubermachen… Natürlich ist das nicht genug.”
Viele der Binnenflüchtlinge haben täglich gegen die sich immer weiter verschärfenden  Lebensbedingungen anzukämpfen. Aus den Pumpen fließt brackiges Wasser, zeitlich begrenzte Beschäftigungsprogramme wurden beendet, die Nahrungsmittelhilfe und andere Hilfsleistungen wurden auf wenige Monate begrenzt. Viele Frauen können ihren Kindern nur eine Mahlzeit am Tag geben, Eltern lassen regelmäßig Mahlzeiten aus, damit ihre Kinder ein bisschen mehr zum Essen haben. Shajan ,eine 20 jährige Frau deutet auf ihr Kind: „Mein Kind weint, weil es Brot will. Ich habe  nur fünf Afghanis ($ 0.10). Was kann ich tun?“
Häufig klauben Kinder nur irgendwie essbar Erscheinendes von den Straßen auf oder versuchen etwas zu erbetteln. „Unser ältester Sohn geht auf den Markt“, sagt Nurjahan, „er sammelt angefaultes Gemüse auf und bringt es heim. Meine Mutter versucht dann, die noch brauchbaren Teile auszusortieren und findet letztlich auch einiges Genießbares darunter, das wir essen können.“

Kein  Wasser, keine Arbeit, keine Nahrung.
Angesichts der in den Slums herrschenden elenden Bedingungen finden viele ihr Leben sei unter der Okkupation der Sowjets besser gewesen.  „Zu der Zeit hatten wir Coupons. Wir mussten uns nicht um unsere Nahrung sorgen. Nun haben wir 38 Länder hier (tatsächlich sind 48 Länder Teil der  internationalen Streitkräfte) und wir haben keine Coupons, kein Wasser, keine Arbeit, keine Nahrung. Wir fragen die internationale Gemeinschaft: wenn ihr wirklich helfen wollt, helft armen Menschen wie uns. Wir haben gehört, dass die amerikanische Regierung $ 10 Millionen Dollar für Flüchtlinge der afghanischen Regierung gab. Wir selber haben nicht einen Afghani empfangen.“
Die in den Elendsquartierenden herrschenden hygienischen und sanitären Bedingungen sind katastrophal. Das Land, auf dem zahlreiche Slums angesiedelt sind, dient benachbarten Gebäuden  oft als Abfallhalde. In Anbetracht der großen AnwohnerInnenzahl sind zu wenig Latrinen vorhanden. Den Menschen ist es nicht möglich, mehr als fünf Liter Wasser aus weiten Entfernungen herbeizuschleppen. Wie sollen sie da die Latrinen sauber halten? Der Inhalt  unbrauchbar gewordener Latrinen versickert im Boden, auf dem die Notunterkünfte errichtet wurden.

Frauen arbeiten schwer, damit die Familie überleben kann. Foto: AI

Krankheiten breiten sich aus. Unter diesen Bedingungen breiten sich Hautkrankheiten und Diarrhoe, besonders unter den Kindern, in rasender Geschwindigkeit aus. Zarima berichtet: „Seitdem ich hier bin, erkranken meine Kinder jeden Sommer, es gab keinerlei medizinische Hilfe für sie. Fatima erzählt: „Wenn meine Kinder krank werden, muss ich den Arzt und die Medikamente bezahlen. Mein Kind leidet an einer Erkrankung der Atemwege, wir kauften einige Medikamente, doch  sie halfen nicht.“ Eine andere Frau klagt, dass ihre Kinder sterben mussten, da sie das Geld für Medikamente nicht aufbringen konnte. Die kostengünstigeren staatlichen Krankenhäuser sind oft weit abgelegen, stattdessen müssen die BewohnerInnen in dringenden Fällen teurere private Kliniken aufsuchen, das heißt, zusätzlich müssen auch noch die Transportkosten gezahlt werden. Generell stellen auch staatliche Kliniken lediglich Impfungen und Verhütungsmittel kostenlos zur Verfügung. Für Behandlungen und Labortests muss bezahlt werden und notwendige Medikamente müssen in privaten Apotheken gekauft werden. Zwar werden einige der Elendsquartiere ein oder zweimal in der Woche von mobilen Gesundheitsdiensten betreut, deren Angestellte  jedoch zumeist über  keine gynäkologischen  Kenntnisse verfügen.

Müttersterblichkeit steigt. Für Frauen ist es somit fast unmöglich, dringend benötigte Hilfe während und nach der Schwangerschaft zu erhalten. Die Risiken einer unbegleiteten Geburt erhöhen sich dramatisch in Siedlungen, deren Bewohnerinnen oft zehn Kilometer entfernt zum nächstliegenden Krankenhaus angesiedelt wurden. Zudem sind die entsprechenden Einrichtungen teuer, so  wird die Entscheidung, Hilfe für die Gebärende in Anspruch zu nehmen, in vielen Fällen zu spät getroffen  und ein tödlicher Ausgang in Kauf genommen. Entschieden wird üblicherweise vom Ehemann oder einem männlichen Anverwandten, somit  erhöht sich das Risiko für die Frau.
Parwin, eine 35jährige im Minarets Camp in Herat interviewte Frau, berichtet: „Hier haben wir keine ausgebildete Hebamme. Normalerweise rufen wir eine alte Frau zur Hilfe. Einmal starb ich fast während einer Geburt und konnte dennoch kein Krankenhaus aufsuchen.“
Die mangelnde Gesundheitsfürsorge und die mannigfaltigen für die Frauen unüberwindlichen Barrieren führen in einem Land wie Afghanistan, das  ohnehin eine der weltweit höchsten Raten der Mütter und Kindersterblichkeit aufweist, zum erneuten dramatischen Anstieg der Müttersterblichkeit  in den Elendsquartieren.
Für alle SlumbewohnerInnen ist es schwer, Arbeit zu finden, zumeist handelt es sich dabei um wenige, im informellen Sektor zur Verfügung stehende Jobs, als TrägerInnen von Gebrauchsgütern. Von den in den Slums lebenden Menschen führen die meisten den gänzlichen Mangel an Erwerbsmöglichkeiten als ihr größtes Problem an. Firozas Ehemann – sie und ihre Familie flohen 2010 aus einer der umkämpften Provinzen – befördert  Waren in einer Schubkarre, sein Verdienst reicht jedoch nicht aus, um seine Familie ernähren zu können. Für die Familie bedeutet das, sie haben nur einmal, wenn es hoch kommt, zweimal täglich etwas zum Essen. Die Frauen des Minarets Camps sind in der glücklichen Lage, durch das Reinigen verschmutzter Schafswolle etwas Geld verdienen zu können.
„Mein Mann hat keine Arbeit, nur meine Kinder arbeiten und tragen so etwas zu unserm Lebensunterhalt bei. Ich selbst reinige Wolle. Habe ich sieben Kilo Wolle gereinigt, bekomme ich dafür 50 ($1.05) oder auch 70 Afghanis. ($1.45) sagt Parwin und die 26 jährige Mahjan  fügt hinzu:  „Der Preis für die gereinigte Wolle ist unterschiedlich. Ist sie nicht allzu sehr verschmutzt, erhält man einen niedrigeren Preis, ist sie sehr schmutzig, bekommt man etwas mehr Geld. Wir Frauen nehmen die schmutzige Wolle mit und reinigen sie. Der Ort, an den wir die gereinigte Wolle dann zurückzubringen haben, ist oft weit entfernt. Manchmal tun sich einige Frauen zusammen und mieten sich für den Transport einen Mini-Lieferwagen. Das  heißt für uns, einen Teil unseres Verdienstes dem Fahrer geben zu müssen, aus diesem Grund gehen wir Stunden um Stunden mit der Wolle auf unseren Köpfen.“
Wolle zu reinigen ist harte Arbeit, bei der Frauen, die sie über längere Zeiträume hinweg leisten, häufig erkranken. „Ich habe gearbeitet, Wolle gereinigt, dann begannen die starken Schmerzen in meinen Händen. Jetzt kann ich keine Wolle mehr reinigen. Mein Mann ist nun der einzige Ernährer der Familie.“

Tabuthema Gewalt gegen Frauen. Das Leben in geschlossenen, unhygienischen Vierteln, der ständige Druck Arbeit zu finden, um nur irgendwie sein Leben fristen zu können, die ständige  Drohung, jederzeit wieder vertrieben werden zu können und das Trauma der vergangenen Flucht fördern ein Klima der Gewalt. Die BewohnerInnen sprechen nur ungern oder äußern sich sehr vorsichtig zu diesem Aspekt ihres Lebens. Einige vermuten, gegen Frauen gerichtete Gewaltakte treten häufiger auf, als es vor der Vertreibung der Fall gewesen wäre, andere Frauen sagen geradeheraus, dass massiver Druck auf sie ausgeübt würde, einer Heirat zuzustimmen – ihrer eigenen Verheiratung oder der ihrer Töchter.
Die afghanischen Behörden ignorieren nicht nur die Probleme, sondern verhindern sogar, dass internationale Hilfe greifen kann. Da es der UNO und anderen humanitären Hilfsorganisationen untersagt ist, jegliche Art permanenter Behausung zu errichten, bleibt die Hilfe notdürftig und oberflächlich. So werden beispielsweise Wassertanks geliefert, statt fixe Trinkwasserbrunnen zu errichten.

Amnesty International fordert die afghanischen Behörden auf, ihren Verpflichtungen nachzukommen und die Grundbedürfnisse der Vertriebenen zu sichern sowie eine Perspektive für die Zukunft anzubieten.  Auch mit limitierten Ressourcen müssen die Behörden sicherstellen, dass internationale Hilfe genutzt und optimal eingesetzt wird.
Gerade angesichts des angekündigten Abzugs der ausländischen Truppen müssen beim zivilen Wiederaufbau langfristige Strategien zur Verbesserung der Lage der Binnenvertriebenen gefunden werden.

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